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Ernährung und Ökologie

Dabei geht es nicht nur um Gesundheitsaspekte. Auch die Umwelt wird von der intensiven Nutztierhaltung stark belastet. Neben einem hohen Flächen- und Wasserverbrauch, der Böden und Gewässer belastet und mit Emissionen zum Klimawandel beiträgt, steht auch das Tierwohl immer mehr im Fokus des öffentlichen Interesses. Trotzdem wird die Tierhaltung weltweit ausgeweitet: Die Weltbevölkerung wächst, zugleich verändert der zunehmende Wohlstand in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern das Ernährungsverhalten der Menschen. Nach aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) hat der jährliche Fleischverbrauch pro Kopf seit 1990 weltweit um knapp 30 Prozent zugenommen. Bis 2013 stieg der durchschnittliche Jahreskonsum von 33 auf 43 Kilogramm, wobei der Verbrauch regional stark schwankt. Während in Indien kaum Fleisch gegessen wird (3,7 Kilo pro Kopf und Jahr) werden in China hingegen pro Kopf im Jahr über 60 Kilogramm verbraucht, in den Vereinigten Staaten im Durchschnitt sogar deutlich über 100 Kilogramm.
Laut Weltagrarbericht hat sich die globale Fleischproduktion in den vergangenen 50 Jahren sogar von 78 auf 308 Millionen Tonnen pro Jahr gut vervierfacht. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erwartet einen Anstieg auf 455 Millionen Tonnen jährlich bis 2050.
In Deutschland waren es 2013 laut Daten der FAO rund 86 Kilogramm pro Kopf im Jahr. Mit Abstand am beliebtesten war Schweinefleisch (52 Kilogramm), gefolgt von Geflügel (18 Kilo gramm) und Rind (13 Kilogramm). Bis heute ist der Wert zwar auf rund 60 Kilo gesunken. Dennoch bleibt der Fleischverzehr gemessen an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung im Durchschnitt viel zu hoch.
Das bringt nicht nur gesundheitliche Probleme für viele Menschen mit sich. Auch die Natur leidet darunter, weil riesige Rinderfarmen einerseits große Mengen an Methan ausstoßen. Das Gas ist weitaus schädlicher für das Klima als Kohlendioxid, weil es die Atmosphäre über zwanzigmal so stark aufheizt wie CO2. Dazu summieren sich auf der anderen Seite der Energieaufwand für Verarbeitung, Kühlung und Erhitzung von Fleisch sowie die Transportkosten für Tierfutter.
Weiter werden immer mehr natürliche Ressourcen verbraucht. Nach Angaben des Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) werden große Mengen an Land, Wasser, Energie und Getreide benötigt, bis ein Tier als Steak oder Wurst auf unseren Tellern liegt. In jedem Kilo Rindfleisch stecken beispielsweise 6,5 Kilogramm Getreide, 36 Kilogramm Rauhfutter und 155 Liter Wasser zuzüglich 15 300 Liter Wasser, die für die Produktion des Futters benötigt wurden. Weitere Folgen sind höhere Preise bei Grundnahrungsmitteln infolge der steigenden Nachfrage nach Tierfutter, Wasserknappheit und verstärkter Hunger in vielen Teilen der Erde.
Ein Viertel der eisfreien Erdoberfläche wird laut FAO in zwischen für die Viehwirtschaft genutzt. Unter anderem werden nach wie vor gewaltige Gebiete im Amazonaswald für die Nutztierhaltung abgeholzt. Rodungen, die nicht nur die Artenvielfalt bedrohen, sondern auch das Weltklima. Zudem führen die entstehenden Monokulturen zu Bodenerosion.

Fleisch muss teurer werden

Es spricht also vieles dafür, den Fleischkonsum entschieden zu drosseln. Fleischersatz auf pflanzlicher Basis, zum Beispiel aus Soja, Weizen oder Erbsen könnte dabei helfen. Im Vergleich zu Rindfleisch entstehen bei der Produktion solcher Fleischersatzprodukte bis zu weniger als ein Zehntel der Treibhausgase und ein um ein Vielfaches geringerer Wasser und Flächenverbrauch. Etwas schlechter schneidet Fleischersatz auf Insektenbasis ab. Das hat eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes (UBA) ergeben. In-vitro-Fleisch aus dem Zuchtlabor ist noch nicht am Markt verfügbar, sodass die Umweltauswirkungen bisher schwer abzuschätzen sind.
Die Studie attestiert Fleischersatz grundsätzlich ein hohes Potenzial, sieht aber große Hemmnisse bei den politischen Rahmenbedingungen und der Akzeptanz. Dirk Messner, Präsident des UBA, sagt dazu: „Fleischproduktion schadet nachweislich der Umwelt und trägt zur Erderwärmung bei. Unsere Studie zeigt: Fleischersatz könnte eine große Rolle bei einer umweltschonenderen und auch gesünderen Ernährung spielen. Solange der Preis der Lebensmittel aber nicht auch die Umweltschäden widerspiegelt, wird das billige Nackensteak noch länger den Vorzug vor einem Sojaschnitzel bekommen. Hier ist die Politik gefragt, diese Rahmenbedingungen zu verändern.
Pflanzliche Fleischersatzprodukte stehen im Vergleich zum konventionell erzeugten Fleisch den Forschungs-ergebnissen zufolge gut da, was die Umweltbilanz betrifft. Das liegt unter anderem daran, dass Pflanzen wie Weizen und Soja der menschlichen Ernährung auf direktem Weg dienen können. Werden Pflanzen erst als Tierfutter genutzt, werden deutlich mehr pflanzliche Kalorien und auch deutlich mehr Ackerfläche, Wasser und Energie benötigt, bis die Kalorien beim Menschen ankommen. Ein Beispiel: Für die Produktion eines Kilos Fleischersatz auf Sojabasis werden 2,8 Kilo Treibhausgase ausgestoßen. Für Schweinefleisch beträgt der Ausstoß 4,1 Kilo, für Geflügel 4,3 kilo und für Rindfleisch sogar 30,5 Kilo.

Ran an die Insekten!

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In Asien gehören Insekten schon lange zum Ernährungsreportoire.

Erzeugnisse aus essbaren Insekten liegen aus Umweltsicht auf Platz zwei. Ihre Ökobilanz ist gegenüber pflanzlichen Fleischersatzprodukten schlechter, aber gegenüber Rind, Schwein und Huhn positiver, da Insekten Futtermittel effizienter verwerten können. Den Treibhausgasausstoß Für die Produktion eines Kilos Fleischersatz auf Insektenbasis berechnet die Studie mit drei Kilogramm.
Aussagen zu Umwelt- und Gesundheitswirkungen von In-vitro-Fleisch - also Fleisch, dass unter Laborbedingungen gezüchtet wird - sind derzeit ebenfalls schwer zu treffen, da bislang nur theoretische Anahmen zu Ökobilanzen vorliegen. Diesen ersten Prognosen zufolge könnte In-vitro-Fleisch beim Wasser- und Landverbrauch besser als konventionell produziertes Fleisch abschneiden, beim Energieverbrauch dagegen schlechter. Aktuell wird In-vitro-Fleisch zu Forschungs zwecken zudem in Nährmedien produziert, die fetales Kälberserum enthalten, also das Blut ungeborener Kälber. Die Nutzung eines tierfreien Nährmediums wäre aber entscheidend für die Frage, ob In-vitro-Fleisch künftig ökologisch sowie in ethischer und gesundheitlicher Hinsicht vorteilhaft ist.

Ersatzprodukte sind echte Alternative

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Nachhaltig grillen: Gemüse, Käse und Fleischersatz

Vom gesundheitlichen Standpunkt aus betrachtet bieten pflanzliche Proteine und pflanzliche Fleischersatzprodukte eine Möglichkeit, den in Deutschland mit rund 60 Kilo pro Kopf und Jahr zu hohen Fleischkonsum zu reduzieren. Gesund und nachhaltig wären nach der EAT Lancet-Kommission maximal 15 Kilo Fleisch. Die EAT-Lancet Kommission besteht aus 37 weltweit führenden Wissenschaftlern aus 16 Ländern aus verschiedenen wissen-schaftlichen Disziplinen. Ziel der Kommission war es, einen wissenschaftlichen Konsens zu erreichen, indem sie Ziele für eine gesunde Ernährung und eine nachhaltige Lebensmittelproduktion definiert. Die Ergebnisse der Kommission liefern die allerersten wissenschaftlichen Ziele für eine gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion innerhalb der planetarischen Grenzen, die es uns ermöglichen, bis zu zehn Milliarden Menschen zu ernähren.
Grundsätzlich kommt die Studie des Umweltbundesamtes zu dem Schluß, dass pflanzenbasierte Fleischersatz-produkte am günstigsten abscheiden, wenn sie wenig verarbeitet und wenig verpackt sind, denn einen hohen Verarbeitungsgrad und Zusatzstoffe in Fleischersatzprodukten bewertet das UBA kritisch. Aus Umweltsicht bieten Fleischersatzprodukte demnach eine echte Alternative zu Fleisch. Der weltweite wachsende Konsum Fleisch und tierischen Produkten sowie das Gros der derzeitigen Herstellungsprozesse verursachen erhebliche Probleme für die Umwelt, die Tiere und die menschliche Gesundheit: Das Klima wird belastet wegen der hohen Treibhausgas-emissionen aus der Viehhaltung und der Regenwaldabholzung für den Anbau von Soja als Futtermittel, es werden zu viele Antibiotika in den Stallanlagen eingesetzt und die Haltungsbedingungen sind eine Tierquälerei. UBA-Chef Dirk Messner ist sich daher sicher: „ Aus Umweltsicht, den Fleischkonsum zu reduzieren“.
Der Marktanteil von Fleischersatzprodukten am weltweiten Gesamtfleischmarkt ist mit einem geschätzten Anteil von 0,5 bis 0,6 Prozent im Jahr 2017 bislang sehr gering. In Deutschland liegt der Anteil bereits bei 6 Prozent. Während der Umsatz der Fleischindustrie hierzulande relativ stabil ist, zeigen Prognosen, dass die Umsätze in den nächsten Jahren weltweit stärker steigen werden als die für Fleischersatzprodukte. Nur wenn Fleischersatz-alternativen, und hier insbesondere die auf Pflanzenbasis, stärker gefördert werden und ihr Marktanteil weltweit wächst, werden sie zu einer fleischärmeren Ernährung beitragenkönnen, so das UBA.

>GDL Magazin VORAUS September 2020