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GDL-Ortsgruppe Bodensee-Neckar



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Im Notfall auf sich selbst gestellt

KIN

René Bäselt

„Viele tragen ihre Maske. Es gibt auch welche, die sie erst im Zug aufsetzen oder wenn jemand guckt. Bei anderen hängt sie unterm Kinn, bis wir sie auffordern, Mund und Nase zu bedecken. Aber einen direkten Verweigerer hatte ich persönlich noch nicht", sagt René Bäselt. „lch weiß aber von Kolleginnen und Kollegen, die andere Erfahrungen gemacht haben, dass sie sich von der zusätzlichen Aufgabe, die geltenden Hygienevorschriften zu kontrollieren und die Maskenpflicht durchzusetzen, überfordert und alleingelassen fühlen", räumt der Berliner ein, der als Zugchef im Fernverkehr der Deutschen Bahn nicht nur die Verantwortung für die Fahigäste in den IC- und ICE-Zügen trägt, sondern auch für sein mitreisendes Team. „Tatsache ist, dass wir Zugbegleiter das Hausrecht der Bahn in den Zügen ausüben. Wir Sind aber erstens keine Vollstreckungsorgane und zweitens Viel zu wenige, um in einem gut be-setzten Zug im Sinne der Gesundheit aller jene in die Schranken weisen zu können, die sich nicht an die Regeln halten." Die auch auf Druck seiner Gewerkschaft erfolgte Zusage der Bahn, Sicherheitspersonal zu engagieren, das die Maskenpfiicht durchsetzen und Bußgelder erheben soll, hält Bäselt, der im GDL-Bezirk Nord-Ost den Arbeitskreis Zugbegleitdienst leitet und in dieser Funktion auch Mitglied des Bezirksvorstandes ist, für eine vernünftige Idee. „Bisher haben wir die angekündigte Entlastung aber noch nicht zu spüren bekommen", stellt er klar. „Die Bahn scheint sich nicht immer bewusst zu sein, dass sie als Arbeitgeberin auch eine Fürsorgepfiicht für ihre Beschäftigten hat", fügt der 50-jährige Berliner dann eher nachdenklich hinzu, „jüngstes Beispiel: die von der Bahn Ende Juli in den sozialen Medien verbreitete Denunzierungs-aktion, in der unsere Fahrgäste aufgefordert wur-den, Zugbegleitpersonal, das angeblich keine Maske trug oder die Durchsetzung der Maskenpflicht vernachlässigt haben soll, über einen bestimmten Link zu melden. Weil es Proteste hagelte — auch seitens der GDL — wurde die Aktion ziemlich schnell wieder aus dem Netz genommen. Vom Wahr-heitsgehalt einer solchen anonymen Anzeige einmal abgesehen, trägt so etwas nicht gerade dazu bei, dass die Be-schäftigten sich mit ihrer Arbeitgeberin identifizieren, geschweige denn sicher fühlen."

Übergriffe gab es schon immer
Dabei spielt gerade das Thema Sicherheit im Berufsalltag des Zugbegleitpersonals eine große Rolle. „Dass die Medien, die derzeit wieder verstärkt über gewalttätige Übergriffe auf Zugbegleiter berichten, einen Zusammenhang mit Corona herstellen und die Ursachen im Frust der Fahrgäste gegenüber den Hygienemaßnahmen verorten, ist nachvollziehbar, trifft den Kern der Sache aber nur am Rande", gibt René Bäselt zu bedenken. „Übergriffe hat es schon immer gegeben. Mich hat es in den 1990ern zum ersten Mal erwischt, als ich noch auf dem Interregio gefahren bin." Damals war der Hardrockfan — von Statur und Körpergröße kein Fliegengewicht — von Vier Punks angegriffen, getreten und ge-schlagen worden. „Der Angriff ist in keiner Statistik vermerkt, weil ich nicht zum Arzt gegangen bin, obwohl ich am Schienbein und am Knöchel verletzt worden war. Ich habe den Vorfall am Ende der Schicht ins Dienstbuch des Dispo-nenten eingetragen — und das war es." 2017 traf es Bäselt erneut: „Bei einer Fahrkartenkontrolle im ICE ist ein Passagier ohne Ticket ausgerastet. Er hat mir das Handgelenk brutal überdehnt und hätte mir vermutlich die Hand gebrochen, wenn nicht ein kleiner, vermutlich arabischstämmiger Mann den Angreifer gepackt und so in den Griff ge-nommen hätte, dass der sich so lange nicht mehr bewegen konnte, bis die Bundespolizei ihn abgeholt hat." Der Vorfall ereignete sich in einem voll besetzten Großraumwagen, erinnert sich Bäselt. „Da saßen Kräftigere und haben zuge-schaut, wie der mir ohne Vorwarnung an den Kragen gegangen ist. Es gibt leider kaum Leute, die helfen." Die Verletzung am Handgelenk war dann doch so erheblich, dass René Bäselt zum Arzt ging und eine Krankschreibung bekam. „lch habe sogar Anzeige erstattet, aber nie mehr etwas gehört, da die betreffende Person, die einen Migrationshintergrund hatte, nirgendwo auffindbar war."

Hohe Dunkelziffer
Vor und nach den beiden brutalen Attacken habe es weitere Vorfälle gegeben, räumt der leidenschaftliche
Eisenbahner ein, der seinen Berufsweg 1987 als Siebzehnjähriger mit der Ausbildung zum Facharbeiter für Eisen-bahnbetrieb bei der Deutschen Reichsbahn begonnen hatte. „Neben den körperlichen Angriffen Sind es die verbalen Attacken, denen fast alle, die im Zugbegleitdienst arbeiten, schon mal ausgesetzt waren." Er selbst sei schon sehr beleidigt und mit Ausdrücken geschmäht worden. „Die Spannweite reicht von Kleingeist bis hin zu weit bösartigeren Ausdrücken, die ich nicht näher ausführen möchte", sagt Bäselt. „Meines Erachtens liegt die Dunkelziffer bei den Ver-balattacken noch weit höher als bei den weniger folgenschweren körperlichen Übergriffen, wie Schubsen Oder am Ärmel reißen." Viele Kollegen würden solche Vorfälle eher runterspielen, statt Meldung zu machen: „lch erlebe auch, dass Kolleginnen und Kollegen sich entweder nicht die Zeit nehmen, ein Formular dafür auszufüllen, oder gar nicht wissen, dass es hierfür ein Formular gibt. Im Rahmen der Digitalisierung sollte es doch inzwischen möglich sein, derartige Vorfälle über das Diensthandy oder -tablet direkt zu versenden: sei es nun per App oder per Link zu einem
Online-Formular." Mit Besorgnis blickt René Bäselt auch auf die Personalsituation im Regionalverkehr. „lm Fernverkehr Sind wir im Zugbegleitdienst mindestens zu zweit und haben in den Bordbistros oder Speisewagen noch zwei oder drei ,Gastros' an Bord. Auf den Regios ist nur eine Person, denen in den modernsten Zügen nicht einmal mehr ein Dienstabteil zur Verfügung steht."

Mehr wirksame Sanktionen
Erst vor ein paar Tagen habe ihm eine Kollegin erzählt, dass sie in einem Regionalzug von vier Männern angegriffen
wurde. In diesem Fall seien Fahrgäste eingeschritten. Aber was ist, wenn so etwas spät am Abend passiert, wenn der Zug fast leer ist? „Schwierig, selbst wenn es ein Mann ist, der diese Schicht fährt", sagt Bäselt ernst. In welchem Aus-maß Zugbegleiterinnen über die üblichen Respektlosigkeiten und Zumutungen hinaus auch sexuelle Belästigungen erdulden müssen, ist sogar für den engagierten Gewerkschafter schwer zu durchdringen. „Das Thema sexuelle Über-griffe kann ich nur sehr schwer beurteilen, weil derartige Delikte nur selten und wenn, dann erst sehr spät oder anonym dokumentiert werden. Hier sprechen die Ergebnisse der aktuellen GDL-Umfrage ,Mit Sicherheit' eine eindeutige Sprache." Was tun? „Mehr und wirksame Sanktionen gegen Gewalttäter verhängen und sie nicht—wie wir alle es schon erlebt haben—gleich wieder laufen lassen: Eine bessere Strafverfolgung wäre die logische Konsequenz."
René Bäselt könnte sich aber auch vorstellen, dass er und seine Kolleginnen und Kollegen im Zugbegleitdienst für ihre eigene Sicherheit dazulernen. „Die Bahn bietet zwar Deeskalationsschulungen an; was einem dort beigebracht wird, ist aus meiner Sicht aber mit der Realität nicht vereinbar. Besser wäre es, einfache Techniken zu vermitteln,mit denen man sich schützen kann, indem man lernt, auf engstem Raum zu agieren, sich im Notfall aus einer brenzligen Situation befreien zu können oder einen Angriff auszuweichen. Hierbei kommt es auch auf die Körpersprache an, die dem Gegenüber vermittelt ,Fass' mich nicht an!."
cri

>GDL Magazin VORAUS | Oktober 2020

>Tatort Eisenbahn

Bahnmitarbeiterinnen und -mitarbeiter leben zunehmend gefährlich. Das belegen nicht nur die Ergebnisse der von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) bundesweit bei 2 500 Zugbegleitern und Lokführern aller Eisen-bahnverkehrsunternehmen durchgeführten und im Juni 2020 veröffentlichten Online-Befragung „Mit Sicherheit". Auf eine parlamentarische Anfrage der Linken-Fraktion räumte auch die Bundesregierung eine erhebliche Zunahme registrierter Angriffe von bundesweit 1876 (2015) auf 2 558 im Jahr 2019 ein. Wenig Anlass zu Optimismus bieten auch die ersten Zahlen für das laufende Jahr. Wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) Ende August berichtete, registrierte die Deutsche Bahn (DB) allein im Mai und Juni 2020 bundesweit zwischen 89 und 117 Körperverletzungen an ihren Mitarbeitern, wobei in 9 bis 13 Prozent der Fälle von einem Corona-Bezug auszugehen sei. Bei Beleidigungen, Bedro-hungen und Nötigungen lasse sich vermutlich jeder fünfte Vorfall auf die coronabedingten Einschränkungen zurückführen.