
GDL-Ortsgruppe Bodensee-Neckar
Rund 2 500 Teilnehmer aus 84 Einzelbetrieben des DB-Konzerns und cirka 100 Wettbewerbsbahnen haben den 26-seitigen Fragebogen beantwortet. Die Ergebnisse der Wiederholungsbefragung stellen damit eine belastbare Be standsaufnahme der Arbeitssituation des Zugpersonals in Deutschland dar. Claus Weselsky zum Ergebnis: „Wir alle sind erschüttert über das, was wir in den Umfragen herausarbeiten mussten.“
Die als Broschüre zusammen gefasste Auswertung, auf der GDL-Homepage zugänglich, liefert auf rund 190 Seiten eine detaillierte Beschreibung aller festgestellten Missstände und in einer Zusammenfassung die alarmierende Quintessenz dessen, was dringend zum Anlass für eine Richtungsänderung im Eisenbahnsektor genommen werden muss.
So hat sich seit der Erstbefragung im Jahr 2016 die Arbeitssituation für das Zugpersonal noch weiter verschlechtert. Dabei treten signifikante Unterschiede zwischen den jeweiligen Berufsgruppen, Transportbereichen, Arbeitgebern und auch bei Altersstufen und Geschlechtern auf. Zu bestimmten belastenden Merkmalen der Arbeitssituation finden sich darüber hinaus branchenweit zu beobachtende Gemeinsam keiten, die insgesamt ein düsteres Bild widerspiegeln.
Belastende Ereignisse treten insgesamt sehr häufig auf. Die Ereignisse wurden in den drei Kategorien „Unfall“, „Angriff“ und „Wahrnehmung“ zusammengefasst. Zu den wichtigsten Erkenntnissen gehört, dass die den Kategorien „Angriff" und „Wahrnehmung“ zuzuordnenden Ereignisse in erschreckend hohen Größenordnungen berichtet werden. Das Unfallgeschehen ist überwiegend von Aufprall- und Personenunfallereignissen geprägt. In ihrer Wirkung unterschätzt wurden bisher die sogenannten Wahrnehmungsereignisse wie Beinaheunfälle, das Beobachten von Gewalt oder auch das Antäuschen (Androhen) von Suiziden - letzteres gilt insbesondere für Lokomotivführer.
Die Betroffenen bewerten die Vorbereitungsmaßnahmen zu belastenden Ereignissen so wohl hinsichtlich ihrer Quantität als auch der Qualität als nicht bedarfsgerecht. Zudem stehen diese nicht allen Berufsgruppen gleichermaßen zur Verfügung. Auch die Nachsorge zeigt große Differenzen zwischen dem Anspruch der Kollegen und der betrieblichen Realität auf.
Die Kombination aus regelmäBigen belastenden Ereignissen im Berufsalltag mit mangeln der Vor- und Nachsorge bleibt naturgemäß nicht ohne Konsequenzen. In den Umfrageergebnissen zeigt sich das Bild eines Berufsalltags, der von großem Frust, Ärger und Wut geprägt ist. Vor allem zeigen die Befragungsergebnisse, dass wirksame und hilfreiche Gegenmaßnahmen noch nicht einmal in Ansätzen zur Verfügung stehen - egal bei welchem Arbeitgeber.
Die chronische negative Beanspruchung hinterlässt deutliche Spuren beim Zugpersonal. So weisen die Befragungsergebnisse signifikant auf ein erhöhtes Risiko für langfristige körperliche und psychische Beanspruchungsfolgen hin. Die Arbeitsfähigkeit des Zugpersonals ist über alle Berufs- und Altersgruppen hinweg stark eingeschränkt, durch viele Krankheitstage, eine über durchschnittliche Häufigkeit von ärztlich und auch selbst diagnostizierten Krankheiten bis hin zu einem vorzeitigen Berufsausstieg geprägt. Deutlich wird in diesem Zusammenhang vor allem das gravierende Missverhältnis zu anderen Berufsgruppen, zu vergleichbaren Tätigkeiten außerhalb des Eisenbahnsektors sowie zur allgemeinen Bevölkerung. Die Ergebnisse belegen, dass das Zugpersonal unter unzähligen gefährdenden Bedingungen arbeitet, die sich auf die Gesundheit, auf die Lebensqualität und über die Tauglichkeitsanforderungen sogar auf die Berufsfähigkeit auswirken.
Was zwischen der Erstbefragung 2016 und 2019 seitens der Arbeitgeber nicht erfolgt ist, muss jetzt dringend nach geholt werden. Das Mittel der Wahl sind dabei die von der GDL an unterschiedlichsten Stellen eingeforderten Gefährdungsbeurteilungen auf betrieblicher Ebene. Die Ergebnisse belegen glasklar, dass sie in Bezug auf die Belastungssituationen und die Gefährdungen des Zugpersonals oftmals nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Hier sind vor allem die Betriebsparteien gefragt und das Zusammenspiel zwischen der tarif- schließenden Gewerkschaft und den Betriebsräten vor Ort von enormer Bedeutung. Weselsky: „Unsere als Betriebsräte gewählten Kolleginnen und Kollegen müssen hier ihre Schutzfunktion stärker und intensiver wahrnehmen. Beginnend mit den Gefährdungsbeurteilungen haben sie entsprechende Maßnahmen nicht nur zu be- gleiten, sondern diese überhaupt erst einmal einzufordern“.
Weselsky weiter: „Dass dies mit den bestehenden Betriebsratsmehrheiten und den damit einhergehenden oft sehr unterschiedlichen Auffassungen von echter Interessenvertretung in den übergeordneten Gesamt- und Konzernbetriebsratsstrukturen keine leichte Aufgabe ist, versteht sich von selbst. Gerade mit Blick auf die desaströsen Ergebnisse unserer beiden Umfragen und die seither schwarz auf weiß vor liegenden Belastungen des Zugpersonals haben derartige Gremien zu lange geschlafen oder ihren diesbezüglichen Aktionismus schlicht vorge- täuscht.“
An dieser Stelle kann und wird die GDL ihre Stärke im Tarifbe-reich im Sinne und mithilfe ihrer Mitglieder künftig besser ausschöpfen: Weselsky: „Hier werden wir uns ein Stück weit in der Tarifpolitik neu ausrichten, indem wir solche Themen mit reinnehmen und diese dann ergänzend auch in Tarifverträgen so verankern, dass sie für die Arbeitgeber unumgehbar sind.“
Doch auch die Politik ist hier gefragt und muss endlich Regelungen treffen, die mehr Konsequenz in der Nachverfol- gung sämtlicher Attacken auf das Zugpersonal und dadurch ein höheres Sicherheitsniveau versprechen. Das Stichwort hierfür lautet „Schweizer Modell", mit dem die Verfolgung von Bagatelldelikten dort bereits „von Amts- wegen“ ohne die Notwendigkeit einer vorherigen Anzeige durch die Betroffenen erfolgt und zu spürbaren Effekten führt.
Außerdem fordert die GDL, dass die derzeit für das System Schiene bereitgestellten Geldmittel, mit denen die Eisen- bahn als Verkehrsmittel der Zukunft fit gemacht werden soll, in die Maßnahmen zum Schutz des Zugpersonals mit einbezogen werden. Gerade wenn Eisenbahnverkehrsunternehmen händeringend nach Mitarbeitern im direkten Be- reich suchen, kann ein stärkerer Fokus auf das Personal und ihre Arbeitsbedingungen viel zur Steigerung der Attraktivität beitragen. Weselsky: „Attraktivität ist eben auch das Sicherheitsgefühl, wenn man zur Arbeit geht.“
Schließlich müssen die Arbeitgeber dringend die Sicherheit des Zugpersonals verbessern - allein schon deshalb, weil bereits heute die potenzielle Fahrdienstuntauglichkeit von morgen produziert wird. Ziel der GDL ist es, aus den Ergebnissen der Studie gemeinsam mit den Eisenbahnverkehrsunternehmen nachhaltig für mehr Sicherheit für das Zugpersonal zu sorgen. Am 6. August 2020 wird dazu eine Live-Konferenz mit den Arbeitgebervertretern der Branche stattfinden. Weselsky: „Die Frage, ob sich die beteiligten Arbeitgeber der Sache widmen, wird natürlich unter an derem auch davon abhängen, wie nachhaltig wir unsere Forderungen im Rahmen von Tarifverhandlungen umsetzen. Wir sind dafür bekannt, dass wir nicht nur nachhaltig, sondern schlussendlich auch sehr stringent konsequent unsere Tarifpolitik umsetzen. Insoweit möchte ich unseren Kolleginnen und Kollegen draußen schon einmal Hoffnung machen, dass wir uns des Themas annehmen und dann auch die entsprechenden Mittel zur An- wendung bringen, wenn da überall nur Abwinken oder kein Problembewusstsein vorhanden ist."
M.B.
> GDL Magazin VORAUS | Juli/August 2020